Der Flieger

 

Ich bin Flieger. Das ist mein richtiger Name. Denn mein Leben ist mit dem Fliegen verbunden – entweder mit einem Flugzeug, oder mit Meditation, oder mit dem Durch-die-Wand Starren. Ich mag fliegen, denn mein Fliegen ergänzt diese Realität. Genauer gesagt: meine Realität bekommt erst durchs Fliegen ihre Vollständigkeit. Der Flug verleiht mir Sicherheit und Stabilität. Ich bin glücklich. Und ich bin für alles bereit. Auch dafür in die Wüste zu gehen und dort Schlangen das Fliegen beizubringen. Aber wie die Sache steht – ich bin nicht allein. Ich habe viele Flieger gesehen, die Schlangen das Fliegen beibringen wollen. Denn das liegt in der Natur des Fliegens. Je verrückter der Plan ist, desto sicherer fliegt man. Und das ist kein Zeitvertreib. Das ist eine Überlebensnotwendigkeit: man fliegt, damit man sich nicht als Halbmensch der Gnade und Ungnade der menschlichen Mächte ergeben muss.

 

 

Aorist, Interface, Frauen, Imperferkt und andere Geheimnisse

 

Der Aorist ist eine abgeschlossene Vergangenheitsform. Die Handlung ist beendet und als Folge gibt es nur zwei Möglichkeiten: der Weg in die Gegenwart oder der Rückweg in die Vorvergangenheit. Wenn man diese (Aus-)Wege nimmt und ein aktuelles Geschehen aus diesen Perspektiven - der Perspektive der Gegenwart und der Perspektive der Vorvergangenheit - betrachtet, kann man eine Distanz gewinnen, die ermöglicht, das Vergangene – (das im Aorist Vergangene) nicht nur zu studieren oder zu beobachten sondern auch das Vergangene (das im Aorist Vergangene) zu beeinflussen. Wenn man den Aorist aus mehreren Distanzen beeinflusst, wird das Geschehen unvermeidbar zu einem Schnittpunkt. Ein Schnittpunkt verschiedener Zugänge. Das heißt Interface. Die Voraussetzung für das Interface ist Kommunikation der verschiedenen Zugänge. Wenn dazu das Thema z.B. ein Frauenthema ist, bedeutet das: von Frauen, über Frauen, für Frauen, gegen Frauen, um Frauen, den Frauen gegenüber, vor Frauen, zu Frauen, mithilfe der Frauen, laut der Frauen, ohne Frauen etc.
Aber das hat nichts mit der Frauen-Männer Sache zu tun.
O.k. - wenn wir es doch so wollten – dann aus einer anderen Sichtweise. Es gibt noch eine andere Vergangenheitsform – das Imperfekt. Das Imperfekt ist eine nicht abgeschlossene Vergangenheitsform, und die, würde ich sagen, gehören den Männern. Da die Handlung im Imperfekt nicht abgeschlossen ist, obwohl sie schon vergangen ist, bedeutet es, dass es zu jedem Zeitpunkt der Vergangenheit eine Tür gibt, durch die man rausgehen kann, und anschließend die Tür, die in die Gegenwart führt. (Es gibt nur keine Tür für die Vorvergangenheit, aber das ist nur ein Detail.) Wichtig ist, dass man (besser gesagt, der Mann) zum Frauenthema einen potenziellen (Ein-)Gang über die Aorist-Handlung hat. Also führen Imperfekt-Türen zu einer weiten, gerade gelegenen, parallelen Welt des Aorist.
Aber obwohl diese Welten verschieden sind,ergänzen sie sich auch: Aorist und Imperfekt beziehen sich auf dieselbe Zeitspanne und ohne die beiden Zugänge würde man kein vollständiges Bild eines Geschehens bekommen.

 

 


Ana Bilić

Kurzgeschichten

 

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Aorist, Interface, Frauen, Imperferkt und andere Geheimnisse

 

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